"Stadt ohne Nacht" ist der Arbeitstitel eines Fantasy-Romans, an dem ich gerade arbeite. Die Handlung wird in sich abgeschlossen sein und nur diesen einen Band umfassen. Außerdem wird man ihn mit einer Hand halten können. ;o) So Faaraah will, wird er Ende 2020 erscheinen. Leseprobe gefällig? Aber gerne! Ohne groß auf die Story einzugehen, gebe ich euch einen kleinen Einblick in Kapitel 3.

Wir lernen Dexter kennen, meinen Co-Helden, aus dessen Perspektive diese Szene erzählt wird. Ansonsten ist dieser Roman ziemlich in Frauenhand.

 

Leseprobe aus "Realtaris - Stadt ohne Nacht" (AT) - Auszug Kapitel 3

 

Ich hatte Gunder erst einmal getroffen. Eine flüchtige Begegnung, die bereits viele Jahre zurücklag und mir nicht im Gedächtnis haften geblieben war. So hatte ich mir von ihm ein Bild gemacht, das größtenteils aus Hörensagen bestand. Und ich konnte beim besten Willen nicht behaupten, dass es ihm zum Vorteil gereicht hätte. Daher war ich überrascht, als ich einem blassen Mann mit dünnem, hellblondem Haar gegenüberstand, dessen Gesicht ein gewaltiges Veilchen, sowie eine geschwollene, blutverkrustete Nase von mitleiderregendem Umfang zierte. Dieses Häufchen Elend war Gunder Hrain? Sah aus, als hätte ihm jemand ins Gesicht getreten. Ob er mit gezinkten Karten an den Falschen geraten war? In diesem Fall waren die beiden menschlichen Felsbrocken, die sich mit verschränkten Armen neben dem Ausgang von Gunders Baracke postiert hatten und mich finster musterten, völlig fehlbesetzt. Oder sie übten ihre Aufgabe erst seit heute aus.
»Setz dich«, nuschelte Gunder und bot mir einen Stuhl an. Er nahm mir gegenüber Platz. Kaum berührte sein Hintern jedoch die Sitzfläche, verließ ein schmerzerfülltes Zischen seine Lippen. Er fuhr hoch und stützte sich auf der Tischplatte ab. Schweiß perlte von seiner Stirn.
»Alles in Ordnung?«, fragte ich arglos.
Gunder erwiderte nichts.
»Soll schneller verheilen, wenn man ein Stück Fleisch drauf legt.« Ich wies auf die Schwellung.
Gunder bedachte mich mit einem Blick, als überlegte er, ob dieses Stück auch von mir stammen könnte.
Da er auf meine Ratschläge offenbar keinen Wert legte, kam ich zur Sache. »Sijj Bolten schickt mich.«
»Ich weiß«, knurrte Gunder. »Du bist einer seiner Terrier.«
Ich lächelte leicht. »Na, ich hoffe doch, dass ich es mindestens zum Pinscher gebracht habe.«
Seine Augen hefteten sich auf meine Augenklappe. »Was hat er sonst noch im Angebot? Zahnlose Dackel?«
Wenn mich die Kette nicht zerfetzte, wäre diese geistlose Unterhaltung mein Tod. Beides keine schönen Aussichten. »Er wartet auf sein Fernalit«, knüpfte ich an meinen vorletzten Satz an.
Es folgte ein schneller Blickwechsel zwischen Gunder und seinen beiden Leibwächtern. »Ich kann dir das Fernalit nicht mitgeben. Zumindest nicht so.«
Wie der Sijj vermutet hatte. »Und warum nicht?«
»Es hat eine Explosion gegeben.« Aus irgendeinem Grund schien Gunder das Gespräch im Stehen führen zu wollen. »Die Fernalit-Ader wurde dabei zerstört. Eine neue zu erschließen kostet Zeit … und Geld. Mehr Geld als die lächerlichen 140 Kubecks pro Kübel Erz, die Bolten mir zahlt.«
»Er hat nicht vor, dir mit dem Preis entgegenzukommen«, informierte ich ihn.
Gunder grinste schief. »Glaubst du, ich weiß nicht, was der Idiot mit dem Zeug veranstaltet? Wozu er es gebraucht? Er scheint nicht zu begreifen, wie abhängig er von mir ist. Höchste Zeit, es ihm klar zu machen.« Er spuckte aus und verzog das Gesicht. »Sag Bolten, ich will das Doppelte.« Sein Blick richtete sich auf die Kette. »Ich erwarte, dass er meine Arbeit wertschätzt. Sonst kann er sich seinen Zauber an einen Ort schieben, wo Faaraahs Licht sicher nicht hinkommt.«
»Du glaubst nicht, wo Faaraahs Licht überall hin vordringt«, sagte ich leichthin. Wie zum Aufbruch klatschte ich in die Hände und rieb die Handflächen gegeneinander. »Ich habe sechs Kisten dabei. Die sollten reichen, oder?«
Gunders unversehrtes Auge verengte sich ein wenig. »Hast du mich nicht verstanden? Ich gebe dir das Fernalit nicht mit.«
»Ich habe dich schon verstanden, ich kann nur nicht ernst nehmen, was du sagst.« Ich deutete mit dem Finger ein Oval in der Luft an, das Gunders Gesicht umrandete. »Und das liegt wirklich nicht daran, dass du aussiehst, als hätten dich deine beiden Freunde an der Tür als Fußabtreter benutzt. Es sind deine Worte. Jedes einzelne ist verständlich, kein Zweifel. Die Kombination ergibt keinen Sinn.«
Gunder blieb einen Moment völlig unbewegt. Dann brach er in heiseres Lachen aus, das er, obwohl es ihm sichtlich Schmerzen bereitete, offenbar nicht unterdrücken konnte. Ich drehte mich zu seinen Leibwächtern um, die mit breitem Grinsen zwei Schritte näher gerückt waren. »Könnt ihr mich aufklären? Ihr scheint offenbar zu wissen, was gerade so lustig ist.«
»Du!«, keuchte Gunder und wischte sich Tränen aus dem unverletzten Auge. »Du bist lustig.«
»Inwiefern?«
Gunder stützte sich auf seine Unterarme, den Hintern wie eine Ente weggestreckt, und funkelte mich an. »Du trägst da eine hübsche Kette. Ich habe eben nachgezählt: vierzehn Perlen. Fünf haben sich bereits verfärbt. Bleiben noch neun Tage, bis dir das Ding um die Ohren fliegt.«
Ich bemühte mich um eine schockierte Miene.
»Mir kam da folgende Idee: Clavin und Sassen, die beiden Herren, die uns Gesellschaft leisten, geleiten dich zu einer leeren Baracke. Dort werde ich dich einsperren. Sagen wir sechs Tage. Was meint ihr, Jungs? Sechs Tage?«
Zustimmendes Gemurmel hinter meinem Rücken.
»Dann lasse ich dich laufen. Wenn du Tag und Nacht durchrennst, kann man das Feuerwerk von Realtaris’ Stadtmauer aus bewundern.«
Ich schüttelte bedächtig den Kopf und meine Hand tastete ein Stück mein Bein hinab. »Dieser Vorschlag funktioniert in mehrerlei Hinsicht nicht. Zunächst einmal ist die Explosion der Kette längst nicht so spektakulär, wie du glaubst. Sie geht mehr in die Breite, nicht in die Höhe. Die Sprengkraft ist relativ gering, schließlich geht es nur darum, den Hals zwischen Kopf und Körper zu entfernen. Von der Stadtmauer aus bekäme das kein Schwein mit. Aber was mir größere Kopfschmerzen bereitet: Wie wollen mich Clavin und Sassen denn in diese Baracke geleiten?«
»Wie?«, dröhnte es hinter mir. »Indem ich mir dich unter den Arm klemme und wegtrage.«
Ich fühlte eine Pranke auf meiner linken Schulter. Das fehlende rechte Blickfeld versuchte ich mit meinem Gehör auszugleichen. Da es mir aus dieser Richtung noch keine Gefahr meldete, zog ich den Dolch aus meinem rechten Stiefelschaft und rammte ihn in den zur Pranke gehörenden Arm. Noch während der Kerl Luft holte, sprang ich auf und fuhr herum. Meine linke Handkante traf mit Schwung auf seinen Kehlkopf. Das tat mir erstaunlich weh, der Kerl war wirklich wie aus Stein gemeißelt, verfehlte seine Wirkung dennoch nicht. Clavin, es konnte auch Sassen gewesen sein, griff sich an den Hals und taumelte röchelnd rückwärts.
Der andere, Sassen, oder Clavin ‒ schade, dass Gunder uns nicht ordentlich bekannt gemacht hatte ‒ befand sich nun in meinem linken Augenwinkel. Ich sah ihn auf mich zustampfen. Rasch wandte ich mich ihm zu, packte ihn an Arm und Kragen und machte ein paar Schritte rückwärts. Notgedrungen musste mir der Kerl folgen, bis ich mit meinem Körper eine halbe Drehung vollführte und ihn über mein ausgestrecktes linkes Bein hebelte. Rad schlagend wie ein übermütiges Kind wirbelte er durch die Luft und zermalmte den Stuhl, auf dem ich gesessen hatte. Obwohl er sich hastig aufrappelte, verspürte ich das dringende Bedürfnis, mich umzusehen. Mein Instinkt hatte mich nicht getrogen. Da kam Gunder, die Arme hoch über dem Kopf erhoben, und holte mit einer Art Pickel aus, was mich nicht wunderte, war er trotz allem noch immer ein Bergmann. Obwohl er daher mit der Handhabung vertraut sein sollte, verfehlte er meinen Kopf und versenkte das Werkzeug stattdessen in Sassens oder Clavins Schulter, der wie ein Stier aufbrüllte. Gunder blickte einen Augenblick zu lange auf das, was er angerichtet hatte. Ich zog mein zweites Messer, presste ihm die Klinge an den Hals und zischte: »Wir sollten jetzt das Fernalit verladen, findest du nicht auch?«
Gunder griff halbherzig nach dem Arm, den ich um ihn geschlungen hatte. Clavin, oder Sassen, jedenfalls der Kerl, in dem mein Messer steckte, rieb sich noch immer den Hals und war rot angelaufen. Sein Kumpane wälzte sich jaulend auf dem Boden. Der Pickel, den er sich aus der Schulter gerissen hatte, lag blutverschmiert neben ihm.
»Gunder«, flüsterte ich, »ich weiß nicht, wer dir die Nase gebrochen hat, aber ich verspreche dir, ich werde sein Werk zu Ende führen, indem ich das gleiche mit jedem einzelnen deiner Knochen anstelle, und mag er noch so klein sein.«
Der Griff um meinen Arm lockerte sich.
»Nach dir.« Ich schob ihn zur Tür.