20.11.20: Eine weitere Leseprobe aus Kapitel 8 meines aktuellen Projekts mit dem Arbeitstitel "Stadt ohne Nacht". Wir lernen meine Protagonistin Ala kennen, eine so genannte "Missbegabte", also ein Mensch mit besonderen Fähigkeiten und/oder besonderem Aussehen. Das Präfix "miss-" lässt bereits anklingen, sehr beliebt sind Missbegabte nicht, schon gar nicht in Realtaris, wo der Orden der Faaraah Jagd auf sie macht. Grund genug für Ala, sich zu verstecken und auf keinen Fall blicken zu lassen. Aber man kann die eigene Begabung nicht immer unterdrücken, vor allem jemand wie Ala nicht.

 

 

Gegen Abend trat plötzlich Stille ein. Nicht das kleinste Schluchzen war mehr zu hören, auch nicht von der Mutter. Was hatte das zu bedeuten? Ging es dem Kleinen wieder gut? War er eingeschlafen? War er etwa …?
Ich atmete ein und aus, versicherte mir selbst, dass nun alles wieder in Ordnung sei ‒ umsonst! Irgendetwas stimmte da unten nicht. Mit jedem Moment der verging, wuchs in mir die Sorge um das Kind, bis sie mir im Magen lag wie einst die Kirschen. Vergeblich legte ich mich hin, an Schlaf war nicht zu denken und etwa um Mitternacht stand mein Entschluss fest: Ich würde nachsehen. Ich musste nachsehen! Und da die Tür noch immer verschlossen war, blieb mir nur der Weg durchs Fenster.
Ich schlug die Decke zurück und schwang die Beine aus dem Bett. Mir war durchaus bewusst, dass dieses Vorhaben an Schwachsinn grenzte. Deswegen musste ich es auch sofort umsetzen. Nur kurz dachte ich darüber nach, ob ich auf Dexter warten sollte. Ich könnte ihm von dem Geschrei erzählen und ihn bitten, unten nachzuhören, was mit dem Kind sei. Und dann? Er würde mir niemals erlauben, dem Kind zu helfen. Nur nicht auffallen, schön verstecken! Und er hatte ja auch recht. Aber der Junge!
Durch das Gaubenfenster gelangte ich auf das Dach mit den hölzernen Schindeln. In Faaraahs Licht konnte ich die Details der Fassade leidlich gut erkennen. Vorsichtig kletterte ich über Simse und Friese zum nächsten Balkon, wo ich mich an die hölzerne Brüstung klammerte und ein wenig verschnaufte. Nur nicht darüber nachdenken, was ich hier machte. Nur nicht darüber nachdenken, was in Dexter vorgehen würde, wenn er die Kammer aufschließen, das geöffnete Fenster und mein Fehlen bemerken würde. Nur nicht darüber nachdenken, wie tief es nach unten ging …
Die beiden Stockwerke hinab zu dem Fenster, von dem ich annahm, dass es zu der Kammer von Dunjavs Familie gehörte, bewältigte ich erstaunlich schnell. Aber dann hing ich unmittelbar darunter an einem Fries, versuchte verzweifelt, in den Fugen zwischen den Steinen Halt zu finden, doch meine Füße rutschten immer wieder ab. Wie ich da so baumelte, schwitzend, stöhnend und strampelnd, fragte ich mich zum ersten Mal, was wohl wäre, wenn mich ein anderer sehen würde. Ich war umzingelt von Häusern mit Öffnungen, aus denen man herausgucken konnte. Wie hell es nachts in diesem Hof war. Zu allem Übel knarrte es über mir. Angeln quietschten leise. Ein Fenster wurde geöffnet.
Ich erstarrte. Sie hatten mich! Sie würden mich der Stadtwache übergeben! Nein, schlimmer, sie würden mich zum Prüfer bringen. Ob ich mich einfach fallen lassen sollte? Sollte ich mir etwas brechen, könnte ich mich selbst heilen, was bei dieser Helligkeit viel Kraft kosten würde. Wie weit kam ich danach noch?
»Hallo?«
Ergeben blickte ich auf. Und sah in das von dunklen Locken umrahmte Gesicht eines Kindes. Das musste Tielma sein. »Hallo …«
Das Mädchen musterte mich. »Willst du wo einbrechen?«
»Nein.«
»Du bist die Frau, die sich bei Dexter versteckt. Ich hab dich am Fenster gesehen.«
Meine Hände wurden taub. Ich verlor langsam den Halt. »Kleines …«
»Bist du eine Binzessin?«
»Nein, das bin ich nicht. Aber ich habe deine Blumen bekommen. Die waren sehr schön.«
»Die machen, dass dich keiner verhexen kann«, erklärte das Mädchen stolz.
»Das ist lieb, Danke. Aber schau, ich fall gleich runter. Kannst du mir irgendwie hochhelfen?«
»Warum bist du denn keine Binzessin?«
„Ähm …«
»Warum hängst du unter unserem Fenster?«
»Ich … also … ich hab mir Sorgen gemacht. Seit gestern weint bei euch ein Kind und heute Abend plötzlich nicht mehr.«
»Das war Dunjav, mein Bruder«, erklärte die Kleine düster. »Der ist irgendwie krank, aber keiner weiß, was er hat. Dem tut was weh. Wir haben aber kein Geld für den Bader. Da hat Mama ihm heute Abend Kräuter gegeben, damit er endlich Ruhe gibt.«
Es war raus, ehe ich auch nur beginnen konnte, darüber nachzudenken: »Darf ich mir deinen kleinen Bruder einmal ansehen? Vielleicht kann ich ihm helfen.«
Das Mädchen wirkte unentschlossen.
»Ich heiße übrigens Ala«, fügte ich hinzu.
»Na gut.« Dass ich meinen Namen preisgegeben hatte, schien ein gewaltiger Vertrauensvorschuss zu sein. »Ich heiße Tielma. Komm rein.«
Leichter gesagt, als getan. Tielma fuchtelte mit ihrer kleinen Kinderhand vor meiner Nase herum, aber ich konnte nicht danach greifen, sonst wären wir beide in die Tiefe gestürzt. Irgendwie schaffte ich es, nach dem Fenstersims zu hangeln. Dann grub ich die rechte Fußspitze in eine Lücke zwischen zwei Steinen. Endlich festen Boden unter mir, lag ich einen Moment auf den Dielen in Tielmas Kammer und atmete schwer ein und aus, bevor ich aufstand und mich umsah.
In der Stube war es ruhig. Am Fenster stand eine Wiege, die für das Kind, das in ihr lag, viel zu klein war. Auf dem hohen, dreibeinigen Tisch daneben brannte eine Kerze. Mitten durch den Raum war ein zerschlissener Vorhang gespannt. Dahinter schnarchte es leise.
»Sonst schlafen wir alle immer zusammen in einem Bett«, wisperte Tielma, »aber Mama hat Dunjav in die Wiege gelegt, damit ihn nachts keiner anstößt.«
Zum Glück! Würden alle zusammen in einem Bett schlafen, hätte es eine böse Überraschung für mich gegeben. So hatte ich keine Angst, dass ich jemanden wecken könnte. Das Schnarchen klang, als hätten sich Vater wie Mutter ebenfalls eine ordentliche Portion Kräuter gegönnt.
Tielma schlug die Decke von ihrem Bruder zurück. Ich schätzte den Jungen auf zwei Jahre. Er trug ein kurzes Leinenhemdchen, das ihm bis zu den Knien reichte. Wie seine Schwester war er dünn und knochig. Im hellen Schein der Lichtsäule über den Dächern der Stadt ließ ich meinen Blick über das Kind schweifen. Schweiß glitzerte auf Dunjavs Stirn und sein Atem ging viel zu schnell. Ich legte meine Hand auf seinen Kopf. Fühlte sich fiebrig an.
»Hustet er? Oder hat er Bauchweh?«
Tielma schüttelte den Kopf.
»Weißt du denn, wo es ihm wehtut?«
Tielma zögerte und biss sich auf die Lippen. »Nein«, murmelte sie, »aber …«
»Aber?«
Sie zupfte an mir und bedeutete mir, sich zu ihr herunterzubeugen. »Ich glaube, Dunjav ist gefallen«, flüsterte sie mir ins Ohr. »Wir durften gestern am Fluss spielen. Da hab ich gesagt, auf der alten Weide ist ein Elfennest. Aber … ich musste mal … und als ich zurück war, da …« Sie verstummte und trat einen Schritt zurück. Ihre Augen waren auf einmal sehr groß und sehr feucht. Ich verstand.
»Du hast kurz nicht auf ihn aufgepasst und da ist er vom Baum gefallen, weil er das Elfennest sehen wollte.«
Tielma nickte unglücklich. »Ich bin schuld«, wisperte sie heiser. »Und ich hab mich nicht getraut, was zu sagen, weil wir dann nicht mehr zum Fluss dürfen.«
»Du musst keine Angst haben«, warf ich schnell ein. »Jetzt hast du es ja jemandem gesagt: mir. Und ich kann ihm sicher helfen.«
»Und wie?« Tielmas Gesicht bestand nur noch aus dieser einzigen bangen Frage. »Der … der Bader hat den Papa mal geschröppt, schröppst du Dunjav auch?«
»Nein. Ich schröpfe ihn nicht, ich mache das ganz anders. Das tut ihm überhaupt nicht weh und morgen könnt ihr wieder miteinander spielen, in Ordnung?«
Das Mädchen nickte.
Ich ging vor Tielma in die Hocke und fasste sie leicht an den Schultern. »Meine Art, zu helfen, sieht aber ein bisschen wie Zauberei aus. Deswegen ist es wichtig, dass du mir nun genau zuhörst, denn einige Menschen verstehen diese Fähigkeit nicht. Sie macht ihnen Angst. Und manchmal, wenn Menschen Angst haben, kann es sein, dass sie schlimme Dinge machen, um ihre Angst loszuwerden. Du darfst also niemandem erzählen, was du gleich sehen wirst. Du darfst niemandem erzählen, dass ich heute Nacht hier war. Wenn du mir das versprichst, kann ich deinem Bruder helfen.«
Hinter dem Vorhang tat jemand einen lauteren Schnarcher. Eine Strohmatratze knisterte, als derjenige sich auf die andere Seite drehte. Nach ausgiebigem Schmatzen wurde das gleichmäßige Sägen fortgesetzt.
»Versprichst du mir das?«, drängte ich.
Tielma nickte so heftig, dass ihre Locken flogen. Sie war sichtlich hin und hergerissen zwischen der Sorge um ihren Bruder und der Neugier, die meine Worte in ihr geweckt hatten.
»Gut.« Tielma auf den Fersen, die jede meiner Bewegungen genau beobachtete, schloss ich den Laden vor dem Fenster und löschte die Kerze neben der Wiege. Meine Handflächen kribbelten voll Vorfreude. Noch einmal flüsterte ich Tielma ein »Still jetzt!« zu und trat dicht an das Bett ihres Bruders heran. Inzwischen war es nicht mehr dunkel in dem Raum. Ein blaues Leuchten sickerte aus meinen Händen. Ich streckte sie aus und schloss die Augen. Schon berührte mein Licht das Kind. Da Dunjav vermutlich vom Baum gefallen war, nahm ich an, dass er sich etwas gebrochen hatte. Ich begann beim rechten Arm, durchdrang mit dem Licht Haut und Fleisch bis auf die zarten Knochen, die wir entlangwanderten, vom Handgelenk hinauf über sein Schlüsselbein hinüber zum linken Arm. Ich spürte, wie viel Leben in dem Kind steckte, wie viel Kraft in ihm schlummerte, dieser unbändige Drang zu Wachsen. Von dieser Energie ließ ich mich einen Moment treiben, bis ich im rechten Bein des Jungen endlich fündig wurde. Der Oberschenkelknochen war gebrochen ‒ nein, nicht wirklich gebrochen, eher geknickt wie ein junger, biegsamer Zweig. Noch völlig von Knochenhaut umhüllt war die Knochensubstanz an dieser Stelle der Länge nach gespalten. Jetzt begann meine eigentliche Arbeit. Durch die Verbindung mit dem Jungen spürte ich das angestrengte Pumpen seines Herzens. Das meine tat es ihm gleich und bald schufteten sie im Gleichklang, während das Licht in den Knochen eindrang und den Riss verschloss. Es war getan! Das Licht verglühte als winziger blauer Funke auf meiner Handfläche. Zurück blieb eine merkwürdige Schmiere auf meiner Haut. Das war zum ersten Mal passiert. Woher sie wohl kam? Stammte sie aus dem Körper des Kindes, vielleicht eine beginnende Entzündung, die das Licht eingefangen hatte? Ich verschwendete keinen weiteren Gedanken daran. Erschöpft, zugleich glücklich und tief befriedigt, wischte ich meine Handflächen an meiner Hose ab. Morgen würde es Dunjav viel besser gehen, davon war ich überzeugt.
Mit weichen Knien tastete ich mich zum Fenster zurück, schob den Laden wieder auf und stellte ihn fest. Faaraahs Licht ergoss sich über Tielma, die mich anglotzte, den Mund weit aufgesperrt, als hätte sie eine Erscheinung gehabt. Dann begannen ihre Augen zu leuchten. »Das ist ja viel besser als Binzessin. Du bist eine Mistbegrabene!«